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Adventskalender *1*

In der kleinen Buchhandlung bei mir um die Ecke saß jedes Mal, wenn ich sie betrat, eine alte, von Rachitis und Knochenschwund gekrümmte Frau auf einem Klappstühlchen, das sie selbst mitgebracht hatte. Sie hielt behutsam, als sei er eine Zuckerstange, einen Blindenstock in ihren langen, noch immer schönen Fingern und schien zu dösen. Manchmal lag auf ihren Knien auch ein Buch, doch wenn eines da lag, war es geschlossen. Die Buchhandlung war verwinkelt und weitläufig, die meisten Bücher waren antiquarisch, und manchmal war die alte Frau zwischen Regalen und Stapeln kaum zu finden. Dennoch war sie da, wann immer ich kam, und Carlo, der Buchhändler, konnte mir auch stets sagen, wo sie saß: ob bei der europäischen Geschichte, den russischen Klassikern, dem Simenon-Regal oder den um einen alten, ausgedienten Zimmerofen gestapelten Gesamtausgaben von Heine, Swift, Grass, Virginia Wolf und Marx.

„Hat die Frau denn kein Zuhause?“, fragte ich ihn, als einmal bei uns ein Zimmer leer stand und meine Frau sich wünschte, wir würden für eine Weile einen interessanten Menschen beherbergen, der den Kindern etwas die Welt erweiterte.

Carlo sagte aber, dass die Frau in einer Altersresidenz wohne und dort auch gut aufgehoben war.

„Was tut sie denn hier den ganzen Tag?“, fragte ich. „Es sieht aus, als sei sie auf der Flucht.“

Carlo nickte. „Sie flieht in unsere Bücher“, sagte er. „Mit der Welt draußen kommt sie nicht mehr zurecht.“

„Ich sehe sie aber nie lesen“, stellte ich verwundert fest. „Sie schläft nur immer.“

Carlo lachte. „Sie hat alles schon gelesen“, erzählte er mir. „Und sie schläft nicht, sie riecht.“

Die Frau hieß Berthe von Graffenried und war lange mit einem Diplomaten verheiratet gewesen. Sie hatte in Schwarzafrika und im Ostblock gelebt, danach für lange Zeit in Kolumbien. Sie hatte ihr Leben in streng bewachten Villen verbracht, zwischen Schrankkoffern voller Bücher. Sie hatte zwei Kinder gehabt, die allerdings nicht mehr lebten, und auch ihr Mann war schon länger tot. Ihre Augen waren zu schwach, als dass sie noch hätte lesen können, doch roch sie ein Buch, schien sich in ihrem Kopf ein Türchen zu öffnen, und sie erinnerte die Literatur Flauberts, Dostojewskijs oder Prousts fast zeilengenau.

„Das heißt, die erkennt die Bücher an ihrem Geruch?“, wollte ich mich vergewissern, weil ich mir dachte, dass man mit solch einer Gabe berühmt werden könnte.

Doch Carlos schüttelte den Kopf. „Berthe hat eine sehr feine Nase, und jedes Buch riecht für sie anders“, erklärte er mir, „aber schon zwei identische Werther-Ausgaben riechen für sie anders. Tatsächlich riecht sie nicht einen Titel, sie riecht ihre Bibliothek. Sie erkennt, ob über einem Band Tränen vergossen wurden oder Kaffee, und das erinnert sie daran, wie sie selbst in Kapstadt oder Rimbauds Gedichten Tränen vergossen hat oder wie ihr Dienstmädchen in Warschau ein Tablett mit Kaffeegeschirr auf Klopstock fallen ließ. Die Namen der Autoren kennt sie nur noch selten und vermutlich auch nicht mehr alle in den Büchern verwendeten Wörter. Doch die Welt, die sich in den Texten spiegelt, sieht Berthe vor sich, als sei sie darin aufgewachsen, und wenn sie davon erzählt – was sie traurigerweise kaum noch tut –, kann man sich nichts anderes denken, als dass ihr Leben unermesslich reich gewesen sein muss.“ „Obwohl sie es wie eine Gefangene verbrachte“, sagte ich, und Carlo nickte wieder. „Dafür hatte sie Zeit zu lesen“, stellt er fest. „Und wer kann sich das heute noch leisten.“

Danke an Tim Krohn für diese wunderschöne Kurzgeschichte!

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Tim Krohn (2015): Der Geruch eines Buches.

Erschienen in: Der schönste Ort der Welt. Von Menschen in Buchhandlungen. Diogenes Verlag (2015).

Winterausgabe 2017/2018

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In unserem Winterheft zum Thema LICHT stehen Wärme und Gemütlichkeit an erster Stelle. Stricke mit uns Nordlicht-Stulpen, gestalte Lichtgläser oder zaubere wunderschöne Websterne. Wir zeigen Dir, wie Du ökologische Ofenanzünder selbst herstellen kannst. Das Beste: Sie sehen so toll aus, verschenk doch ein paar zu Weihnachten. Wir filzen Wolle, wir falten Papier, wir machen Sauerkraut selbst.

Die Ausgabe ist voll. Wundervoll. Schaut mal hier:

HOLUNDERELFE 005_WINTER 2017_2018_Inhalt

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Geteiltes Leseglück

In unserer Sommerausgabe „Berge & Meer“ haben wir das Buch „Die Alm – ein Ort für die Seele“ von Martina Fischer vorgestellt. Daniela Haindl aus dem HOLUNDERELFEN-Autorenteam hatte eine wunderbare Rezension geschrieben, die viele Leserinnen dazu brachte, beim Gewinnspiel mitzumachen. Die glückliche Gewinnerin, Katharine Selbert, hat das Buch vor Kurzem gelesen. Und die schönen Zeilen, die sie mir daraufhin schickte, darf ich mit Euch teilen:

Die Alm - Ein Ort fuer die Seele von Dorothea Steinbacher

„Hallo liebe Kristin, ich hatte Dir versprochen, mich zu melden, wenn ich das Buch gelesen habe. Am Sonntag habe ich angefangen und nicht mehr aufgehört zu lesen, bis das Buch zu Ende war. Ich kann nur sagen: EINMALIG! Ich sah die Beschreibungen vor meinem inneren Auge und durchlebte mit Martina Fischer die vier Monate auf der Rampoldalm. Oft hatte ich Tränen in den Augen, so sehr berührten mich manche Begebenheiten von ihr. Die Rezepte muss ich noch gründlicher lesen, denn einige davon werde ich ausprobieren, andere werde ich weiterempfehlen.

Ein wunderschönes Buch, das mal wieder zeigt, dass weniger (bzw. einfacher) mehr ist.

Herzlichen Dank! 

Katharine“

Ich kann nur sagen: Wir freuen uns mit Dir, Katharine! Das Buch macht sich sicher auch gut unter dem Weihnachtsbaum der ein oder anderen Leserin.

Die-heilende-Seele-der-Pflanzen_300Und auch im aktuellen Herbstheft wartet wieder ein Gewinnspiel auf Euch. Wir stellen das Buch „Die heilende Seele der Pflanzen“ von Stephen Harrod Buhner vor. Macht mit! Wie Ihr mitmachen könnt, lest Ihr im WALDSPAZIERGANG (S. 57). Der Einsendeschluss (15.11.2017) naht bereits!

Herzlichst,

Eure Kristin

Wir sind im Bahnhofsbuchhandel!

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Unsere Zeitschrift macht heute einen großen Schritt:Die HOLUNDERELFE ist ab sofort im Bahnhofsbuchhandel und an den Flughäfen erhältlich. Wer also noch kein Abo hat und schon immer mal „reinblättern“ wollte, auf geht’s zum nächsten Zeitschriftenhändler an Bahnhof oder Flughafen!

Ich bin sehr stolz und dankbar. Ein großes DANKE an alle, die unsere „Zeitschrift mit Herz&Seele“ unterstützen!!! Herzlichst, Kristin

Sommer!

Auch wenn es heute so gar nicht nach Sommer aussieht – es riecht danach. Ja, der Regen riecht nach Sommer! Riechst Du es auch?

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Wir arbeiten hinter den Kulissen mit Hochdruck an der Sommerausgabe. Deshalb ist es so ruhig hier. Ihr dürft Euch auf wundervolle Beiträge und Anleitungen freuen!

Ende Juni/Anfang Juli ist es soweit! Die Vorfreude darf steigen.